kolonial-geschichte

Die siedlung jungfernheide mit Ludwig Mies‘ wohnanlage der primus heimstätten-gesellschaft sind nicht nur ihrer lage und ihren strassennamen nach teil eines kolonialviertels.

Historische akten weisen darauf hin, dass anders als in allen anderen teilen des afrikanischen viertels auch in den entwurf der siedlung jungfernheide koloniale wertvorstellungen einflossen.

Dieser einfluss scheint über das engagement von Bernhard Dernburg im gross-berliner verein für kleinwohnungswesen ausgeübt worden zu sein. Bernhard Dernburg war von 1906 bis 1910 leiter des reichskolonialamtes und im frühjahr 1919, während der planungsphase der siedlung jungfernheide, für etwa 2 monate reichsfinanzminister. Sein bruder war der entwerfer der ersten planung für die siedlung: Der architekt Hermann Dernburg.

Da Ludwig Mies die wohnanlage der primus heimstätten-gesellschaft in den strassenverlauf der siedlung jungfernheide eingepasst hat, wirken die kolonialen wertvorstellungen mindestens deshalb auch auf den entwurf der wohnanlage ein.

Während zu architekt·innen, die vor dem jahr 1925 geboren wurden, die frage nach wechselwirkungen mit dem handeln des nazi-regimes heute praktisch eine selbstverständlichkeit ist, fehlt zu architekt·innen, die vor dem jahr 1900 geboren wurden, bisher die selbstverständlichkeit der frage nach etwaigen wechselwirkungen mit kolonialpolitik und -verwaltung und der damit zusammenhängenden kolonialwirtschaft.

Tatsächlich finden sich mehrere solcher wechselwirkungen in allen phasen des werks von Ludwig Mies über die von ihm entworfene wohnanlage der primus heimstätten-gesellschaft hinaus.

Von besonderen interesse ist im zusammenhang mit der siedlung jungfernheide Mies‘ tätigkeit für Johannes Warnholtz, für den er ab etwa 1913 ein repräsentatives wohnhaus an der heerstrasse entwarf. Warnholtz war einer der direktoren der deutsch-ostafrikanischen gesellschaft, die im jahr 1884 von Carl Peters und Felix Graf Behr-Bandelin gegründet wurde. Nach Peters war im afrikanischen viertel die petersallee benannt (inzwischen umbenannt in maji-maji-allee und anna-mungunda-allee).

Warnholtz‘ auftrag an Ludwig Mies steht in zeitlichem zusammenhang mit Mies‘ einzug in seine wohnung im haus am karlsbad 24 (nachgewiesen ab 1915). Dieses haus stand gegenüber dem im april 1911 bezogenen sitz der deutschen kolonial-gesellschaft, dem sogenannten afrika-haus mit der anschrift am karlsbad 10. Die deutsche kolonial-gesellschaft war anteilseignerin mehrerer siedlungsgesellschaften, so dass hier ein bedarf nach der tätigkeit von architekt·innen plausibel erscheint.

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